Für lange Zeit war es nicht erlaubt, die Religionen und ihre Führer zu kritisieren. Sie waren in ihren geographischen Gebieten die herrschenden Mächte, und wer eine kritische Haltung einnahm, durfte von der theokratischen Obrigkeit bestraft oder sogar hingerichtet werden. In einigen Staaten herrscht dieser menschenrechtswidrige Zustand auch heute noch, sei es unter dem Vorzeichen des Monotheismus oder unter dem Vorzeichen des Atheismus.
Seit dem Auftreten von namhaften atheistischen Autoren wie Richard Dawkins (The God Delusion, dt. Der Gotteswahn), Christopher Hitchens (God Is Not Great, dt. Der Herr ist kein Hirte) und Sam Harris (The End of Faith, dt. Das Ende des Glaubens) ist es jedoch „offiziell“ erlaubt, auch die traditionellen Religionen zu kritisieren. Jedes dieser Bücher wurde ein Bestseller, allen voran das erstgenannte, was doch erstaunlich ist: Mit seinem Buchtitel behauptet der evolutionsgläubige Professor Dawkins nichts Geringeres, als daß alle Juden, Christen und Moslems (und auch Hindus usw.) einem „Gotteswahn“ unterliegen.
Ähnliches signalisiert Prof. V. S. Ramachandran, einer der führenden Neurologen der Gegenwart, mit dem Titel seines Buches Phantoms in the Brain (1988; keine dt. Übersetzung): spirituelle Visionen und Gottesvorstellungen entsprängen der Überfunktion einer bestimmten Hirnregion und seien nichts anderes als „Phantome im Gehirn“, also Phantasien, Hirngespinste.
Dasselbe – Geist und Bewußtsein seien nur eine Funktion des Gehirns – sagt Prof. John R. Searle in seinem Buch Geist: Eine Einführung (orig. Mind: A Brief Introduction, 2004). Searle, ebenfalls ein namhafter Neurologe, resümiert am Schluß dieses Buches: »Wir sollten Bewußtsein und Intentionalität genauso als Teil der natürlichen* Welt verstehen wie Photosynthese und Verdauung.“
Die intensivsten Formen von „Bewusstsein und Intentionalität“ entstehen aus religiösen Überzeugungen. Prof. Searle drückt im obigen Zitat höflich einen verborgenen Sarkasmus aus. Was er meint, ist: Genauso wie die Verdauung physische Energie produziert, produziert das Gehirn mentale Energie, und genauso wie’s bei der Verdauung manchmal furzt, „furzen“ gewisse Gehirne religiöse Ideen in die Welt, genannt Judentum, Christentum, Islam, Hinduismus usw.
Ein weiterer bekannter Hirnforscher, Prof. Daniel C. Dennett, hat mit einem Buchtitel (2006) eine programmatische Formulierung geprägt: Breaking the Spell, wörtlich „Das Brechen des Banns/des Zaubers“. Mit „Bann“ und „Zauber“ meint Prof. Dennett die Sakrosanktheit der Religionen – und diese müsse nun endlich gebrochen werden! Breaking the Spell – Religion as a Natural Phenomenon: Es gehe nicht an, daß jüdische, christliche, islamische oder auch östliche Religionsideen über jede Kritik erhaben seien, denn Religion sei einfach nur ein „natürliches Phänomen“, d. h. eine Funktion des Gehirns oder eben, nach Meinung der genannten Hirnforscher, eine Fehlfunktion.
Ein weiterer namhafter Exponent des Atheismus ist der französische Philosoph Michel Onfray. 2005 veröffentlichte er seine manifestartige Schrift Traité d’athéologie. Im Deutschen erschien dieses Buch unter dem Titel Wir brauchen keinen Gott – Warum man jetzt Atheist sein muß, im Englischen unter dem Titel Atheist Manifesto – The Case Against Christianity, Judaism, and Islam (mit großem Cover-Aufdruck „International Best Seller“). Auch Onfray scheut sich nicht, die Sakrosanktheit der Religionen anzugreifen, und er hinterfragt mit kritischer Sachlichkeit kulturelle („religiöse“) Traditionen und Tabus, wie z. B. die angeblich von Gott geforderten Blutopfer und die Beschneidung von Männern und/oder Frauen.
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* Der sympathische Begriff „natürlich“ wird hier von materialistischer Seite vereinnahmt und mit „materiell“ gleichgesetzt (Naturalismus = Materialismus). Wenn gesagt wird, Bewußtsein und Intentionalität seien „Teil der natürlichen Welt“, ist damit gemeint: Teil der Materie, das heißt, Geist und Bewußtsein seien ein Produkt des Gehirns.
Autoren wie Dawkins, Hitchens, Harris, Ramachandran, Searle, Dennett und Onfray sind hochkarätige Intellektuelle und gehören zur Bewegung der „neuen Atheisten“. Sie führen eine frontale Offensive gegen alle Religionen und gegen das, was diese Religionen als „normal“ und „heilig“ etabliert haben. Die öffentliche Meinung über diesen „Kreuzzug der Atheisten“ geht weit auseinander, aber bestimmt kann es nicht schaden, wenn wir – als Menschen des 21. Jahrhunderts – mit einem mutigen Blick nach vorne alte Traditionen kritisch betrachten und dabei auch die monotheistischen Religionsformen nicht schonen. Denn diese Religionen waren über Jahrhunderte hinweg verantwortlich für zahlreiche Kriege, Morde und Verharmlosungen von Verbrechen (Sklaverei, Völkermorde, Staatsterror usw.). Warum sollen die Religionen in altertümlichen und mittelalterlichen Vorstellungen steckenbleiben? Immerhin haben sie alle den Fortschritt der Wissenschaft und der Zivilisation mitgemacht und profitieren heute von der modernen Welt: von Ölgeschäften, vom herrschenden Bankensystem und von den zahllosen technischen Errungenschaften. Wäre es nicht angesagt, daß sie – parallel zum ökonomischen und technologischen Fortschritt – auch theologisch im 21. Jahrhundert ankommen?
Angesichts der massiv gewordenen Kritik an den Religionen haben wir drei Möglichkeiten zu reagieren:
- Wir können versuchen, diese Kritik zu unterdrücken (wie es die monotheistischen Religionsvertreter möchten);
- wir können aufgrund der vielen berechtigten Kritikpunkte jegliche Religion ablehnen und den Atheismus als Alternative predigen (wie es die obengenannten Exponenten des Atheismus tun), oder
- wir können mit einer differenzierten, konstruktiven Kritik antworten, gemäß dem biblischen Prinzip: „Verachtet nicht die Worte aus dem Geist Gottes. Prüfet alles, und das Gute behaltet. Und von jeder Art des Bösen haltet euch fern.“ (1 Thess 5,20–22)
Im Gegensatz zu den genannten atheistischen Wissenschaftlern und Philosophen bezeichne ich das Judentum, das Christentum, den Islam usw. nicht als Wahnvorstellung oder Hirngespinst – und zwar nicht einfach aus Rücksicht auf die Political Correctness, sondern weil ich alle Religionen respektiere und wertschätze und in ihnen den gemeinsamen theistischen Kern sehe. Ich werde jedoch auf die problematischen Konsequenzen des Monotheismus eingehen, ebenso wie auf die problematischen Konsequenzen des Atheismus, denn zur Überwindung dieser feindlichen – und mittlerweile explosiven – Gegensätze ist es erforderlich, auch diese dunklen Extreme zu beleuchten.
Die heiligen Schriften aller Religionen enthalten – neben großen Weisheiten und zeitlosen Offenbarungen – auch lokalhistorisch bedingte Aussagen, die aus heutiger Sicht rassistisch, sexistisch und/oder menschenrechtswidrig sind. Viele Religionsvertreter reagieren empfindlich, wenn man diese Stellen aus ihren Schriften erwähnt, aber spätestens seit The God Delusion und Breaking the Spell ist der Bann gebrochen, denn durch diese Bücher wurden besagte Textstellen unwiderruflich öffentlich gemacht, und zwar auf internationaler Bestseller-Ebene.
Auch im vorliegenden Buch werden einige dieser kritischen Textstellen zitiert. Sie zeigen, wo die Extreme des Monotheismus liegen und wie tiefgreifend der Paradigmenwechsel in den Religionen sein muß, insbesondere hinsichtlich des Umgangs mit den „Andersgläubigen“.
Mit dem Zitieren der extremen Aussagen aus den verschiedenen heiligen Schriften sollen nicht die jeweiligen Religionen diskreditiert werden, und wir sollten auch nicht den Fehler machen, diese Religionen auf die zitierten Textstellen zu reduzieren. Wenn wir jedoch die fraglichen Textstellen nicht sachlich beleuchten, gären sie in den Talmud-, Bibel- und Koranschulen weiter, wo Religionslehrer sie als „innerste Wahrheiten“ an ihre „Eingeweihten“ weitergeben. Und dieselben Stellen werden von den Extremisten der anderen Religionen für Hetze und Propaganda verwendet: „Schau, was im Talmud/in der Bibel/im Koran über die Nichtjuden/Nichtchristen/Nichtmoslems steht!“
Auf diese Weise wurden und werden die Religionen von innen heraus verfälscht. Es wird gegenseitig Haß geschürt, was wiederum den eigenen Fanatismus anheizt: „Nur wir haben die Wahrheit. Gott will, daß wir die anderen bekehren, bekämpfen, infiltrieren, erobern!“ Dadurch wird der Teufelskreis zur Abwärtsspirale.
Hier liegt tatsächlich eine God Delusion, ein „Gotteswahn“, vor, und solange dieser Wahn nicht thematisiert wird, sind alle Diskussionen über Frieden, Völkerverständigung und gegenseitigen Respekt nur oberflächlich oder sogar heuchlerisch.
Der Ausweg aus der God Delusion ist jedoch nicht der Atheismus.
Die meisten religiösen Menschen sind weder Fanatiker noch Fundamentalisten. Ebenso sind die meisten Atheisten weder Gotteshasser noch Religions- feinde, sondern einfach nur vernünftige, intelligente Menschen, die mit Religion nichts anfangen können. Viele sind auch gebrannte oder verbrannte »Kinder« des Monotheismus.* Für sie wird es erleichternd und möglicher- weise auch erleuchtend sein, den Unterschied zwischen Monotheismus und Theismus kennenzulernen …
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* In Prof. Dawkins’ Ausdrucksweise klingt vielfach eine starke Traumatisierung an, zum Beispiel: „Der Gott des Alten Testaments […] ist eifersüchtig und ist auch noch stolz dar- auf; ein kleinlicher, ungerechter, nachtragender Überwachungsfanatiker; ein rachsüchtiger, blutrünstiger ethnischer Säuberer; ein frauenfeindlicher, homophober, rassistischer, Kinder und Völker mordender, ekliger, größenwahnsinniger, sadomasochistischer, launisch- boshafter Tyrann. Wer von Kindheit an in seinen Methoden geschult wurde, ist vielleicht unempfindlich gegen ihre Entsetzlichkeit geworden (Those of us schooled from infancy in his ways can become desensitized to their Horror)“; „das göttliche Monster des Alten Testaments“.
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